Volle Kraft zurück

Gedanklich bin ich gerade von Meeresrauschen umhüllt in einer sternenklaren Nacht. Eine entspannte Ruhe liegt in der Luft. Das Sternenlicht, bei aller Schönheit, reicht leider nicht aus, um den Eisberg zu sehen, auf den wir gerade zusteuern. Zumindest drängt sich mir in den ersten Überlegungen zu diesem Beitrag das Bild der Titanic und dem Eisberg auf. Letztlich führt es zu der Frage, ob wir gut vorbereitet sind oder uns nur für unsinkbar halten.

Vier Tage ist die Schule nun offen. Die Vorbereitungen meiner Schule sind besser gelaufen als es den Umständen nach zu erwarten war. Die Schüler haben genug Desinfektionsmittel, um sich regelmäßig und an vielen Orten der Schule die Hände zu waschen. Wir haben das beste Hygienekonzept, das unter den Umständen möglich war und die Schüler*innen kommen im Schichtbetrieb.

Es funktioniert trotzdem nicht. Es gibt den Teil der Schüler, der genauso unvernünftig ist, wie sonst auch. Der Teil ist nicht klein. Die Schüler*innen sind 15 und 16 in den Abschlussklassen. Wisst ihr noch, was ihr damals angestellt habt? Natürlich müssten sie es besser wissen. Natürlich müssten sie klüger sein. Aber wenn schon ein Mittel gegen Pubertät gefunden worden wäre, wären die Kinder schneller geimpft worden als gegen Covid 19. Die anderen Schüler*innen suchen einfach Nähe, weil sie sich unsicher fühlen und sowieso ein großes Bedürfnis nach Nähe. Zuletzt gibt es einfach die Unachtsamen. Ein schnelles High-Five im vorbeigehen oder ein höfliches Aufheben eines runtergefallenen Stiftes. Man munkelt, selbst geschulten Laboranten unterlaufen Hygienefehler. Es wird immer so getan, als könnten Schüler*innen alles problemlos befolgen. Doch selbst Erwachsenen fällt das schwer.

Das bringt mich zum Titelbild. Da die Autorität von Lehrern leidet, wenn die Schüler*innen wissen, dass man nicht in ihre Nähe kommen kann, wurde mir gestern der Stab verliehen. In seiner Farbe Signalrot und seinen Dimensionen Ein-Meter-und-fünfzig-Zentimeter. Ich hatte es nicht geschafft, die Schüler weiter als 1,2m auseinander zu treiben. Das pädagogische Versagen bemerkte man und der Stab sollte Abhilfe schaffen. Und er half wirklich. Zum einen als Anschauungsobjekt über die wirkliche Länge von 1,5m. Zum anderen mit der Ankündigung das Verhältnis aus Festigkeit und Dichte des Stabes taktil erfahrbar zu machen. Leider haben wir dann im Klassenraum bemerkt, dass selbst in einem unserer größten Räume mit nur neun Schülern der Mindestabstand kaum zu gewährleisten ist. Das war für die Schüler*innen allerdings nicht so schlimm. Denn gleich nach dem Unterrichtsende konnten sie, einmal das Schulgelände verlassen, wieder kuscheln, Händchen halten, spucken und High-Fiven. Nicht nur bei uns, sondern auch bei den anderen Schulen, die ich von uns im Blick habe.

Zusammengefasst bedeutet das für mich, dass Hygiene und Isolation unter Jugendlichen jetzt vorbei ist. Alles im Sinne einer Entlastung der Eltern, im Sinne der Fairness der Prüfungen und für den Unterricht. Ich weiß nicht, in wie weit der erste Punkt zutrifft, wenn die Kinder jetzt unregelmäßig Unterricht haben. Fairness der Prüfungen gibt es in dem Flickenteppich sowieso nicht. Bleibt der Unterricht. Was für Unterricht ist das?

Die Schüler sitzen alle zwei Wochen an Einzelplätzen in der Schule. Der Lehrer kann ihnen kaum etwas zeigen und nur auf Abstand direkt erklären. Was wir jetzt machen, geht gegen jede pädagogische und didaktische Erkenntnis der letzten 20 Jahre. Die Schüler*innen sind mit den Gedanken auch nicht dabei. Entwede,r weil sie sich um wichtigere Dinge Gedanken machen oder, weil sie wissen, dass sie sich notentechnisch auf Erlass des Ministeriums nicht verschlechtern können. Es gibt unter diesen Bedingungen kaum Unterricht, von gutem Unterricht kann man erst recht nicht reden. Das alles, obwohl immer mehr Folge- oder Begleiterkrankungen auch für junge Menschen entdeckt werden. Das alles, obwohl Drosten festgestellt hat, dass Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene und sich erneut gegen eine Schulöffnung ausspricht.

Selbst in der Industrie wird darüber gesprochen, dass ein Neustart unter innovativen und umweltfreundlichen Bedingungen geschehen soll. Und was machen wir in der Bildung? Wir wollen mit voller Kraft zurück. Dabei fahren wir lieber gegen die Wand als ins Neuland. Jetzt wird darüber gesprochen, das Schichtsystem auch im nächsten Jahr aufrecht zu halten. Die Bildungspolitik spricht jetzt schon über Schule als meinte sie die 1960er Jahre. Dieses Bild versuchen wir nun auf das Internet und Heimunterricht zu übertragen und geraten damit in eine noch größere Schieflage. Natürlich ist ein Schichtmodell möglich. Aber wirklich gewinnbringend ist es nur, wenn wir auch die Didaktik dafür ins hier und jetzt anpassen. Wir brauchen keine Arbeitsblätter, die für lehrerzentrierten Unterricht gedacht sind, wenn der Lehrer fehlt. Wir brauchen freie Aufgabentrukturen, Formate, die die Selbständigkeit stärken und inverted classroom Modelle.

Aber dann müssten wir etwas Neues wagen. Eines der besten Symbole dafür, dass wir es nicht tun, bin im Moment ich. Ich, der mit seinem roten Stab versucht eine alte Ordnung zu halten, die es so im Moment nicht gibt. An einer Schule, die unglaubliches leistet, um ihre Aufgaben zu erfüllen und ihre Schüler*innen ernst nimmt. Wenn die Kolleginnen und Kollegen in der Schule gestern ein Gedanke vereint hat, dann die Hoffnung darüber eine zweite Welle zu verhindern und das mulmige Gefühl, dass sie trotzdem kommt.

 

Prüfungsfetischismus

Der Junge war jetzt genug an der frischen Luft, jetzt muss er wieder in die Schule. Schon alleine des Abschlusses wegen. Zumindest scheinen sich darin die Kultusminister relativ einig zu sein. Normalerweise bin ich der altmodische, strenge Lehrer ja wirklich. Noten gelten in der Forschung und auch im Kollegium überholt und wenig zielführend. Ich selbst verspreche mir davon etwas Vergleichbarkeit für die Schüler*innen selbst. Das Problem sind für mich nicht die Noten, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht. Aber das ist eine andere Diskussion. Trotz meines Optimismus Noten gegenüber, bin ich gegen alle Abschlussprüfungen in diesem Jahr. Ich sehe das hohe gesellschaftliche Gesundheitsrisiko dadurch größer als den Nutzen für die Schüler*innen. Mehr noch, ich sehe keinen Nutzen für die Schüler*innen.

Einer der häufigsten Gründe, der für die schnelle Durchführung der Prüfungen genannt wird, ist die Sorge, das Abitur könnte in anderen Bundesländern nicht anerkannt werden. Das ist etwas, das die Kultusministerkonferenz mit Leichtigkeit beschließen könnte. Die Sorge ist nicht nur unangebracht, sie ist hausgemacht und entspringt dem Unwillen etwas zu ändern. Für mich steht neben dem Unwillen die viel wahrscheinlichere Sorge, dass sich kein Kultusministerium die Blöße geben will, die Prüfungen ausfallen zu lassen. Dann wird im Bildungsfö(r)deralismus schnell wieder von Schmalspurabitur geredet und die Häme der anderen Länder ist einem sicher.

Außerdem wird angebracht, dass ein fairer, vergleichbarer Abschluss der Schüler*innen sichergestellt werden muss. Die Schulzeiten werden in jedem der 16 Bundesländer unterschiedlich verzögert. Die Schulen starten zu unterschiedlichen Zeiten und wie genau sie starten ist (zurecht) in Hand der jeweiligen Schulleiter. Inwieweit die Schüler*innen in letzten Wochen gelernt haben, hängt vom Zeitraum der Ferien, der digitalen Ausstattung der Schule und der familiären Situation ab. Inwieweit sie jetzt lernen können, hängt von denselben Faktoren ab, außerdem wie gut der Schulträger seiner Planungsaufgabe nachkommt und vor allem, ob die jeweilige Lehrkraft zu einer Risikogruppe gehört und vielleicht gar nicht selbst prüfen kann. Und das alles, lässt die wichtigsten Aspekte raus: Wie es einem selbst und der Familie physisch, und immer wieder gerne vergessen, mental geht. Es ist eine Zeit mit so vielen unterschiedlichen Stressfaktoren, Fehlerquellen und individuellen Schicksalen, dass es lächerlich ist, hier von Vergleichbarkeit und Fairness zu sprechen.

Die Wissenschaft hat aber gesagt, dass Prüfungen stattfinden können. Moment. Die Wissenschaft (gibt es nicht) hat eine Einschätzung getroffen, dass unter bestimmten Faktoren Prüfungen mit einem geringen Risiko durchgeführt werden können. Diese Faktoren waren strenge Hygiene- und Verhaltensregeln. Wie das alleine in Hannover läuft, kann man hier ansehen:

Das Gesundheitsamt der Region Hannover fand bei der Überprüfung von 112 Schulen vor der Corona-Pandemie nur eine Schule ohne Beanstandung. 

https://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Diese-Probleme-haben-Schulen-in-der-Region-Hannover-mit-der-Hygiene

Es scheint viel mehr, wir führen Prüfungen um ihrer selbst willen durch. Der Punkt, dass Prüfungen wichtig sein, um aussagekräftige Noten zu bekommen, ist vielleicht von allen der falscheste. Ein einzelner guter oder schlechter Tag gibt kein einheitliches Bild der Leistung einer Schüler*in. Deswegen zählt selbst das Abitur nur ein Drittel im Zeugnis. Studien haben erwiesen, dass die Abschlussergebnisse sich im Wesentlichen kaum von den gewohnten Leistungen unterscheiden. Wir prüfen aus einem alten, überholten, schädlichen Schulverständnis heraus. Auch an dieser Stelle legt die Corona-Krise wieder offen, was systematisch und strukturell kaputt ist. Das Bildungsverständnis der Kultusminister*innen scheint kaum besser als die 5G Netzabdeckung in Deutschland zu sein.

Wenn gesagt wird, die Schüler*innen müssen aus sozialen oder wirtschaftlichen Gründen wieder in die Schule, dann ist das so zu diskutieren. Aber Abschlüsse sind meiner Meinung nach kein ausreichender Grund. Besonders, wenn man die Gesundheit mit einbezieht und eine Übertragung durch Reden und mögliche Langzeitfolgen nicht ausgeschlossen sind.

Eine passende Radiodiskussion gibt es hier:

Deutschlandfunk.de: Machen Abschlussprüfungen jetzt Sinn?

 

Midlehrcrisis

Das hier wird kein vollwertiger Beitrag. Nicht mal ein Rant oder etwas klassischer eine Glosse. Eher ein wunderbarer kleiner Cupcake, halb aus Wut, halb aus Fassungslosigkeit. Es ist einer dieser Momente in denen ich es nicht mag, Politik-Lehrer zu sein. Wer die anderen Beiträge gelesen hat oder mich kennt, kann sich meine Unzufriedenheit über die Entscheidung der Regierung denken. Spiegel Online fasst das ganz gut so zusammen:

Schulen sollen ab dem 4. Mai wieder schrittweise geöffnet werden. Der Schulbetrieb soll mit Abschlussklassen, obersten Klassen in Grundschulen sowie mit Klassen, die im kommenden Jahr Prüfungen ablegen, beginnen. Bis zum 29. April soll die Kultusministerkonferenz ein Konzept vorlegen, wie der Unterricht mit reduzierten Klassengrößen sowie Hygiene- und Schutzmaßnahmen wieder aufgenommen werden kann. Auch „Pausengeschehen“ und Schulbusbetrieb sollen dabei berücksichtigt werden.

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/coronavirus-angela-merkel-und-die-laenderchefs-setzen-auf-vorsicht-a-ead67e0c-8dfd-4863-ab99-7f975bcd3f5b

Zu den Schutzmaßnahmen werden wahrscheinlich Gruppen von Unter 20 Leuten, Schule im Schichtbetrieb, 2m Abstand, getrennte Pausenzeiten usw. gehören als wären Schulen Isolierstationen. Das halte ich für unrealistisch, es ist aber gerade nicht das Problem.

Mein Problem ist, dass wir eine Deadline haben und noch keinen Weg dahin. Wir haben weder geprüft, wie sinnvoll die Maßnahmen sind oder wie viel Zeit sie zur Umsetzung brauchen. Wir haben noch nicht mal Maßnahmen definiert. Das tun erst die Kultusminister, irgendwann in den nächsten zwei Wochen. Jede Beratungszeit geht also von der Umsetzungszeit ab. Das ist weder ein gutes Vorgehen für eine Problemlösung noch für die Implementation von Lösungsstrategien. Das ist Bullshit. Noch mal: Es wurde kein Plan gemacht. Es wurde der Plan gemacht, einen Plan zu finden und das bis zum 04.05.2020.

Aus München ruft es relativ besonnen „Wir machen nix vor dem 11.05.“ Wahrscheinlich haben die erstmal eine Maß getrunken und etwas darüber nachgedacht. Aber dann schallt es aus Hannover:

Hold my beer (Pils), wir in Niedersachsen schaffen das bis zum 27.04.!

Großartig. Ich hätte mich fast geschämt, aber dann rief es aus Düsseldorf:

Hold my beer (Alt), wir in NRW schaffen das bis zum 20.04.!

Kann mir jemand erklären, wie die Kultusminister bis zum 04.05. einen Plan finden sollen, der aber schon zum 20.04. in Teilen umgesetzt wird? Kann mir jemand erklären, wie ich das meinen Schüler*innen erkläre? Ich versuche immer zu vermitteln, dass jede Entscheidung einen Sinn hat, auch wenn es nicht der Sinn ist, den man gerne hätte. Selbst wenn ich hinter der Schulöffnung durchaus Sinn sehe, kann ich dem Vorgehen nichts positives abgewinnen. Ich finde es gleichgültig, unüberlegt und feige. Es ist die einfache Lösung die Schulen ohne Konzept zu öffnen. Aber ist es die richtige? Wenn ja, hätten wir sie gar nicht erst schließen müssen. Neben den ganzen konzeptionellen Fragen sind noch so viele andere offen.

Wie soll Schichtbetrieb in LKs funktionieren?
Was sollen wir unterrichten?
Was ist mit den Lehrern über 60?
Was ist mit Eltern mit Vorerkrankungen?
Was ist mit Lehrern mit Vorerkrankungen?
Was ist mit Schülern mit Vorerkrankungen?
Was ist mit Schülern mit Angst oder Depressionen?

Sind es ein paar Wochen Unterricht wirklich wert, Menschenleben zu riskieren?

Und noch mal: Wie vermittele ich das den Schüler ohne den Glauben in den Staat zu verlieren?

 

Für eine handvoll Wochen

Im Sinne der Corona-Krise schreibe ich heute einen Mitmach-Beitrag. Wir brauchen unbedingt mehr Dinge, die wir zuhause erledigen können. Zuerst suchen wir uns einen Verwandten über 60. Es kann ausnahmsweise auch ein ungeliebter bevorzugt ausgesucht werden. Dann brauchen wir eine Schusswaffe. Wer keine hat, fragt beim örtlichen Nazi oder Reichsbürger an. Die haben Kontakte. Dann brauchen wir letztendlich noch ein Kind. Haben wir alles beisammen, nehmen wir die Waffe (geladen) und richten sie z.B. auf Opa. Wir fragen die kleine Emma, was sie vor sechs Wochen in Geschichte gemacht hat. Wenn sie das Thema relativ genau eingrenzen kann, beenden wir das Projekt hier oder fragen nach einem anderen Fach. Falls nicht, drücken wir ab und gucken, ob Opa überlebt.

Gut – das ist einerseits etwas plakativ und andererseits statistisch nicht vollkommen repräsentativ. Trotzdem ähnelt das Experiment der Wette, die unter anderem die Leopoldina mit ihrer frühen Schulöffnung eingeht. Es wird darauf gewettet, dass der Wissenszuwachs der Schüler*innen das Risiko des frühzeitigen Todes der Risikogruppen wert sei. Die Einschränkungen durch die Schulschließung und allgemeinen Maßnahmen sind enorm. Aber bei einer Schulöffnung gingen sie auf Dauer weiter. Bis wir sicherstellen könnten, unsere Kinder übertragen keine Viren, müssten sie auf einige Familienmitglieder verzichten. Das Risiko gestaltet sich wie folgt:

  • Opa 1: Alter, Vorerkrankung.
  • Opa 2: Alter, Vorerkrankung.
  • Oma 1: Alter.
  • Oma 2: Alter, Vorerkrankung.
  • Oma 3: Alter, Vorerkrankung

Wenn wir unser imaginären Emma nicht sagen wollen „Och, dein Bussi hat Omi getötet.“, müssen wir in Zukunft deren Kontakt einschränken. Bei einer Schulschließung in der wir den Kontakt der Kinder besser nachvollziehen können, wäre das nicht der Fall. Die Leopoldina geht davon aus, die Kinder könnten mit Mundschutz und 2m Abstand unterrichtet werden. Wo die 10,7 Millionen Mundschutze herkommen sollen, die wir für alle Schulkinder alleine in der ersten Woche bräuchten, ist mir zur Zeit schleierhaft; und woher die Elektroschocker kommen, die wir Lehrkräfte bräuchten, um die Kinder auseinander zu halten, weiß ich auch nicht.

Hinter allem steht die Wette, dass diese Wochen für die Schüler so unverzichtbar wären, dass es das Risiko wert sei. An meiner Schule sind bis jetzt weit weniger als zehn Tage richtiger Unterricht ausgefallen, da in die freien Tage auch Dinge wie Projektwochen und Studientage usw. fallen. Weder bei guten noch bei schlechten Schülern wäre dort so viel essentielles Wissen vermittelt worden, dass etwas unwiederbringlich verloren gegangen wäre. Opa hingegen wäre mit einer guten Chance unwiederbringlich erschossen. Je nach Religion vielleicht nicht, aber selbst nach The Walking Dead wäre er zumindest nicht mehr derselbe.

Mich beschleicht das Gefühl, es geht den Diskutanten gar nicht um Bildungsgerechtigkeit oder zumindest einem veralteten Begriff davon. Ich gehe natürlich auch davon aus, dass das Wissen irgendwie nachgeholt und die Lehrpläne überarbeitet werden müssen. Aber Bildung ist mehr als das Auswendiglernen von Fakten und das ständige Wiederholen bestimmter Verhaltensmuster. Wenn ich höre, das Abi dürfte nicht gefährdet werden, wird im nächsten Satz oft gesagt, es müsse fair sein. Ab und zu fällt ein verräterisches „Es dürfe nicht zu leicht werden.“ Dann geht es nicht um Bildungslogik, sondern um Prüfungslogik und das ist wiederum sehr Deutsch. Zwei scheinbar deutsche Grundannahmen sind:

  • Es darf niemand etwas umsonst kriegen.
  • Was nicht überprüft wurde, existiert nicht.

Es sind vor allem diese Punkte, um die das Bildungsverständnis vieler Diskutanten und leider auch Kultusminister*innen kreist. Das akzeptiere ich nicht. Das Abi 2021 ist einfach anpassbar indem man einen Teil der Themen raus lässt. Die Schüler*innen haben dann immer noch genug schwere Themen zur Auswahl. Aber es könnte jemand etwas mit weniger Arbeit als jemand anderes bekommen, das geht hier nicht. Es geht im Moment nicht um Prüfungen oder um Neid, es geht um Menschen. Gerade auch in der Schule. Schulen sind Bildungseinrichtungen, keine Prüfungsfabriken. Damit haben wir irgendwann in den Sechzigern versucht aufzuhören (Betonung auf versucht).

Ein ganz anderer Punkt ist, dass die Schließung der Schulen zeigt, wie wenig wir (und da schließe ich mich mit ein) alleine in der Lage sind, die komplette Betreuung unserer Kinder zu stemmen. Wir sind so verstrickt in Arbeit und Terminen, dass die Kinder ohne die Schule (und Kitas) als sozialen Ort leiden. Darüber sollten wir auch mal nachdenken.

 

Flatten the curve

Unter #flattenthecurve versteht man die Bestrebung, die Ausbreitung des Corona-Virus einzuschränken. Die Fallzahlen sollen sich dabei nicht mehr exponentiell vergrößern, um das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Eine Überforderung geht mit vielen Toten einher, wie man in Italien beobachten kann. Exponentielle Funktionen sind nicht nur das unheilbringende Übel eines Oberstufenschülers, sondern auch einer gesamten Gesellschaft. Also tun wir das, was ich ungefähr mein halbes Studium lang getan habe. Wir bleiben drinnen, sitzen am PC, vor dem Fernseher und meiden das Sonnenlicht so sehr, wie der durchschnittliche Vampir.

Nach nicht noch mal zwei Wochen werden die ersten Stimmen laut, dass es nun auch mal gut sein müsse. Letztes Wochenende war ein Abflachen der Kurve zu beobachten. Woraufhin am Montag vermehrt zu hören war, wir können unsere Bunker bald verlassen. Nach einem erneuten Anstieg der Fallzahlen am Mittwoch bekam die Kurve eine erneute Spitze. Der Montag wurde damit zum „Sind wir schon da?“-Moment der Corona Krise und die Politiker zu den ungeduldigen Siebenjährigen auf der Auto-Rückbank. Meiner Meinung nach wäre eine Lockerung der Isolation auch bei einem leichten Abflachen der Kurve verfrüht. Wenn sich durch den Kontakt ein erneuter Infektionsherd bilden würde, wären alle einschneidenden Maßnahmen völlig umsonst gewesen und wir sind direkt bei #fattenthecurve. Außerdem denke ich, es ist auch noch völlig verfrüht darüber nachzudenken. Ich vermute, dass wir ein systematisches Problem mit den Fallzahlen haben und nicht, dass die Ansteckungsrate schon messbar sinkt.

An dieser Stelle kann ich nur vermuten, da ich die Prozesse von außen beobachte. Ich möchte es aber trotzdem versuchen, um aus dem Ganzen etwas Sinn abzuleiten. Ich gehe erst einmal davon aus, dass die Virologen Kekulé und Drosten die Wahrheit sagen. Beide nehmen unterschiedliche Positionen in der Krise ein und beleuchten das Thema von verschiedenen Seiten. Beide sagen, die Labore sind noch nicht ausgelastet. Sie schätzen das Arbeitsvolumen völlig unterschiedlich ein 200.000 – 500.000 Proben pro Woche, sagen aber auch beide, dass es eben nur eine ganz grobe Schätzung ist, weil sie keine belastbaren Zahlen dazu haben. Aber sie sind sich einig darin, dass noch Kapazitäten frei seien.

Das andere Ende sind die Menschen, die versuchen Tests zu bekommen. Da habe ich durch meine Schüler*innen und Bekannten zwar ein relativ großes Einzugsgebiet, aber keineswegs so groß, um wirklich etwas belastbares ableiten zu können. Fakt ist aber, dass die Richtlinien des Robert Koch Instituts relativ restriktiv sind, um die Anzahl der Tests niedrig zu halten. Trotzdem lassen die Gesundheitsämter immer wieder keine Tests zu bei Menschen, die diese Vorgaben erfüllen. Selbst wenn die Tests zugelassen werden, muss wie bei meinen Familienangehörigen teilweise zehn Tage gewartet werden. Wenn die Labore wirklich nicht ausgelastet sind, dann gibt es vielleicht einen Flaschenhals in dem die Menschen stecken bleiben.

Wegen meiner persönlichen Erfahrungen muss ich direkt an die Gesundheitsämter denken, da bin ich aber auch sehr voreingenommen. Dafür spricht jedoch, dass alles über die Gesundheitsämter läuft. Die Hausärzte überweisen die Patienten zwar an die Labore, der Kontakt läuft jedoch über das örtliche Gesundheitsamt. In Berlin ist es täglich von 13 -16 Uhr zu erreichen, in NRW immerhin teilweise von 9 – 13 Uhr. Arbeit am Limit in Krisenzeiten sieht allerdings anders aus. Das Ganze scheint auch mit relativ viel Papierkram verbunden zu sein, der sowohl postalisch als auch über Fax läuft. Email ist wohl auch eher die Ausnahme. Es gibt einfach in Limit, wie viele Anträge man pro Tag bearbeiten und Faxen kann. Außerdem werden die Corona-Daten an der RKI per Fax gemeldet. Auch da ist ein ziemlich fixes Limit, wie viele Faxe pro Tag ankommen. Eines nach dem anderen. Das führt dazu, dass manche Landkreise schon fünf oder mehr Tage nicht aktualisiert wurden.

Wir haben meiner Meinung nach keine exponentielle Steigerung der Zahlen mehr, weil wir so viele neue Fälle pro Tag nicht erfassen können. Das obere Limit ist die bürokratische Erfassung und nicht die neuen Ansteckungen. Die Kurve flacht über das Wochenende immer wieder ab und nimmt dann meist Dienstag wieder zu, was für mich auf dafür spricht, dass eben am Wochenende weniger bearbeitet wird und nicht, dass die Ansteckungen plötzlich zurückgehen. Die Social Distancing Maßnahmen sind richtig und wichtig. Nur so schnell bringen sie keine Ergebnisse. Vor allem müssen wir das Ganze durchhalten bis wir verlässliche Zahlen haben und nicht Gefahr laufen alles umsonst gemacht zu haben. Das entscheidet auch nicht im Laufe dieser Woche. Solange wir nicht mal hinbekommen alle Zahlen vernünftig zu erfassen und die John Hopkins University das für Deutschland scheinbar besser (sprich aktueller) macht als ein deutsches Institut, sollten wir weniger darüber nachdenken die Tore zu öffnen und an unserer Infrastruktur arbeiten. Denn das, wie wir an Italien (und den USA) sehen, rettet leben.

Geht man von den Aussagen Kekulés aus, dann wird es einige Zeit dauern bevor man Ergebnisse sieht. Es sind ungefähr fünf Tage bevor man Symptome zeigt, dann zwei Tage bis man einen Test bekommt und wieder mindestens einen Tag bevor man die Ergebnisse hat. Danach kommen vierzehn Tage Quarantäne. Im Optimalfall sind es also zweiundzwanzig Tage. Wir brauchen also Geduld.

Nachtrag:
Dieser Artikel liegt hier schon etwas rum und inzwischen scheint die Regierung gegen ein schnelles Ende der Isolation vorzugehen. Das halte ich für richtig, wenn auch gesellschaftlich belastend. Wir brauchen also noch etwas Sitzfleisch und Nervenstärke.

 

Corona und die Mediendemokratie

Was ich nicht sehe, das tötet mich vielleicht trotzdem.

Unsere Gesellschaft beruht auf der Übereinkunft, dass Zusammenarbeit in der Regel sinnvoller sei als sich pausenlos mit Keulen über die sieben Kontinente zu jagen. Nicht nur an Kriegen, Streits und Konflikten sieht man, dass es sich dabei nur um eine Übereinkunft, also einen Konzens handelt, nicht um ein Naturgesetz. Wir sind und bleiben Raubtiere, vernunftbegabt, aber Raubtiere. Wer einen kurzen Beweis möchte, der rollt ein Papierknäuel durch sein Zimmer und verfolgt es mit den Augen ohne den Kopf zu bewegen. Jetzt macht er dieselbe Bewegung mit den Augen ohne etwas zu verfolgen. Nicht so flüssig? Eher von Punkt, zu Punkt, zu Punkt? Kein Wunder, eure Beute fehlt – ihr habt nichts zum Töten.

Wer nun merkt, das ihm seine Augen nicht völlig gehorchen, der kann sich zumindest eingestehen, dass wir nicht immer unsere Sinne beherrschen, sondern sie auch uns. Wir glauben, was wir sehen, fühlen, hören, schmecken. Wir glauben weniger, was uns andere Berichten, das sie sehen, fühlen, hören, schmecken. Wir glauben am wenigstens, was andere Vermuten, das andere Vermuten, das jemand gesehen haben könnte. Trotz des (Über)Flusses an Bildern, ist es für Medien und insbesondere den Journalismus immer noch schwer potentielle sprich drohende Gefahren zu vermitteln.

Es findet Kommunikation und Aufklärung im Konjunktiv statt. Ein „was ich nicht sehe, das gibt es auch nicht“ führt uns gesellschaftlich nicht weiter, wenn eigentlich heißen könnte „was ich noch nicht sehe, das kommt vielleicht trotzdem.“ Corona stellt uns damit vor eine demokratische und mediale Herausforderung. Wir müssen handeln, bevor etwas Schlimmes passiert. Sobald es passiert, ist es nämlich schon zu spät. Wer nun meint, das sei einfach, der sollte bedenken, wie schwer es ist, sich an Neujahrsvorsätze zu halten. Wie schwer es ist, auf etwas zu verzichten, wenn man eine Diät macht. Bedenkt dabei nur, dass die Diät schon eine Reaktion auf einen Fehler war. Ihr (und anwesende Autoren inbegriffen) seid schon fett, weil ihr nicht schnell genug gehandelt habt. Übertragen auf Corona hieße das, es wären schon 120.000 Leute gestorben. Zack – Massenmörder, weil ihr die Finger von dem gottverdammten Donut nicht lassen konntet.

Andererseits hat jeder das Recht dick zu werden, zumindest in meinem Fall, waren damit auch sehr viele gute Momente verbunden. Wirklich alles ist besser mit Bacon.

Das macht die Sache natürlich komplizierter. Zum einen versuchen wir etwas zu diskutieren, das kommen könnte – oder nicht, zum anderen sollen wir jetzt darauf verzichten unser Leben zu genießen. Das ist nicht nur schwer zu kommunizieren, jeder hat darauf auch eine andere Antwort. Es stellt unsere Demokratie und auch unser Mediensystem vor eine dramatische Aufgabe. Aber nicht vor eine neue Aufgabe, es ist eine Aufgabe, bei der wir versagt haben.

Corona ist nicht das erste potentielle Problem. Das tragische Glück der Pandemie sind ihre unmittelbaren Auswirkungen. Ein anderes (nicht mehr allzu) zukünftiges Problem dessen Lösung wir auf Übermorgen verschieben, ist der Klimawandel. Und wir wissen, wie das gerade läuft.

Wenn unsere Gesellschaft auf Übereinkünften beruht, dann müssen wir darüber kommunizieren. Hoffentlich besser als beim Klimawandel. Wie das jedoch gehen soll, kann ich hier an dieser Stelle nicht beantworten. Das kann niemand – nicht alleine. Wir alle zusammen müssen sprechen, in uns gehen, nachdenken und sehen, was es uns wert ist, was wir vernünftig finden und was wir tun wollen. Das ist etwas, das man nur gemeinsam lösen kann und muss. Es macht uns vor allem auf eine Sache aufmerksam. Wir sitzen im selben Boot, das mögen wir zwar vergessen haben über die Nachkriegsjahre. Aber Krisen wie diese zeigen es deutlich. Jetzt müssen wir neue Übereinkünfte treffen oder uns bald erneut mit Keulen durch die Wildnis jagen.