Haltung. Zeigen.

den Angriff Russlands auf die Ukraine haben, denke ich, alle mitbekommen. Jetzt kreisen in den Schulen scheinbar viele Diskussionen darum, wie damit umzugehen sei. Nicht nur wie, sondern auch ob die Ereignisse thematisiert werden sollen. Was das richtige Vorgehen sei und vor allem, die richtige Perspektive. Ich verstehe die Angst vor diesem Thema, aber ich teile sie nicht. Ebenso akzeptiere ich die Sorge, um einen Kontrollverlust. Kontrolle gibt es aber genauso wenig, wie unser Pult eine Schutzmauer gegen die Lebenswelt der Schüler*innen ist.

An den Schulen sind nicht nur Geflüchtete oder deren Nachkommen. Sondern auch Kinder deren Eltern jetzt bei der Bundeswehr in Alarmbereitschaft sind. Es sind junge Erwachsene, die sich mit ihren Familien über die Bewertung der Lage streiten, weil die einen die Süddeutsche lesen und die anderen Telegram Kanäle. Es sind Familien, die russisches und ukrainisches Migrationserbe haben und sich daran nun teilen. Unser Pult ist keine Schutzmauer vor der Lebensrealität der Schüler*innen. Es ist nicht optional, es ist unsere verdammte Pflicht:

die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage des Christentums, des europäischen Humanismus und der Ideen der liberalen, demokratischen und sozialen Freiheitsbewegungen weiterentwickeln.

Bildungsauftrag der Schule §2 Abs. 1 NSchG.

Wer dabei Angst empfindet, ist realistisch. Wer dafür aber nicht den Arsch in der Hose hat, sollte vielleicht seinen Berufsethos überdenken. Es ist einfach, sich als Lehrkraft überlegen zu fühlen. Jedoch ist Schule nicht nur da, wo ein Lösungsheft bereit steht und Erwartungshorizont belegbar ist. Schule ist Lebensrealität. Es geht darum Haltung zu zeigen. Aufzustehen. Es geht nicht darum, die richtige Antwort zu zeigen, sondern mit den Schüler*innen zu sprechen. Menschen- und Völkerrecht sind nicht verhandelbar. Beide werden von Russland seid Jahren missachtet. Wer jetzt keine Haltung zeigt, der zeigt auch keine Haltung gegenüber der Demokratiefeindlichkeit, der Homophobie und der Fremdenfeindlichkeit, die von dort aus seit Jahren betrieben werden. Unsere Freie Demokratische Grundordnung wird seit Jahren unterwandert und das kommt über diverse Dienste auch bei uns an. Es sind Eltern, die Corona leugnen, es Schüler*innen, die mit Reichsbürgermentalität erzogen werden und es sind Menschen, die den Staat ablehnen. Wenn ihr im Unterricht Fehler macht, dann ist das nur menschlich. Es ist auch viel besser als Fake-News das Feld zu überlassen.

Es ist Teil unserer Lebensrealität, dass wir in einem Staat Leben in dem Politiker erschossen wurden, weil sie freundlich gegenüber Flüchtlingen waren. Wir leben in einer Gesellschaft in dem Menschen ihren Migrationsschatz mit uns teilen und währenddessen von einer Terrorgruppe umgebracht werden und dann als Döner-Morde kategorisiert werden. Ich bin mir bewusst, dass Migration an Schulen nichts einfacher macht. Ich spreche drei Sprachen, kann Hurensohn inzwischen aber auf neun Sprachen übersetzen. Ich löse an meiner Schule Konflikte Schiiten und Sunniten. Nichts davon wird mir entlohnt und es kommt nur auf das Konto der unzähligen Überstunden. Dafür tragen aber nicht die Kinder die Verantwortung.

Wir brauchen das Rückgrat, um hier nun für neue Menschen mit einem anderen Migrationserbe grade zu stehen. Es liegt an uns Ungerechtigkeit und Hass etwas entgegen zu setzen. Solange unsere Sorge Kontrollverlust in 45-Minuten-Zyklen ist, ist noch alles gut. Zeigt Haltung. Sorgt dafür, dass es so bleibt. Und ja: Alles wird schwerer. Aber Migration ist ein Schatz, der auch alles schöner macht.

 

Bildungsvollzug

Der Systemwechsel ist geglückt. Unsere Schule befindet sich jetzt wieder im eingeschränkten Regelbetrieb. Damit ist Szenario B vorbei und die Vorteile des hybriden Lernens zwangsweise wieder abgeschafft. Jedoch ist das nicht der Systemwechsel, den ich meine. Schulen waren bis vor Kurzem Bildung und Anstalt zu ungefähr gleiche Teilen. Jetzt befinden wir uns im Bildungsvollzug. Mit einer großen Betonung auf Vollzug. Als Lehrer fühle ich mich einem Wärter einer Vollzugsanstalt wesentlich näher als dem Didaktiker, der ich versucht hatte zu sein.

Die Kritik am hybriden Lernen oder Home Schooling ist überall und in großen Teilen richtig. Ja, es bleiben einige Schüler*innen zurück. Ja, es ist unverhältnismäßig unfair für einkommensschwächere Familien. Ja, der Druck auf das Elternhaus steigt. Ja, bildungsfernere Schichten haben es ungleich schwerer. Aber diese Nachteile wiegen nur schwer, wenn man sie mit dem Normalzustand vergleicht. Wir haben keinen Normalzustand.

Wir wissen keinen Tag, ob wir am Ende des Tages in Quarantäne sind. Zwei Mal ist das seit den Ferien schon passiert. Unterricht entfällt wegen kranker Kollegen und einer größeren Vorsicht bei Symptomen auf beiden Seiten. Trotzdem muss dasselbe Pensum in weniger Zeit geschafft werden. Man muss Kontakte mit Schüler*innen vermeiden, statt Ihnen im Unterricht zu helfen. Extrem gestiegene Bürokratie, die die Schulen versucht offen zu halten, frisst die Zeit, die eine offene Schule bräuchte. Dazu das mulmige Gefühl, die geringe Planbarkeit. Da bleibt für wirkliches Lernen, wirkliche Schule weder Zeit noch Nerven übrig. Was bleibt denn noch von der Schule ohne die Menschen? Noten – und keine gerechten.

Wir könnten jetzt anpacken und die Fehler, die ich aufgezählt habe aus der Welt schaffen. Es sind keine unüberwindbaren Probleme. In der ersten Welle hat das meine Schule phantastisch gemacht. Aber so Deutsch, wie wir sind, müssen wir alle Energie darin stecken, dass sich bloß nichts verändert. Wir haben solche Angst vor Veränderung, dass es sogar die Angst vor einer Pandemie übersteigt. Das wird nun auch sichtbar, wenn wir 20 Millionen für Eltern und Aushilfen ausgeben, um die Schulen bloß offen zu halten. Die Bildung muss vollzogen werden, die Zeugnisse bleiben sicher. Ich frage mich, wie viele sozial schwachen Schülern man für 25 Millionen einen Laptop kaufen kann und wie viele geschulte Sozialpädagogen für die restlichen 20 Millionen ihnen wirklich helfen könnten. Bildungsvollzug ist lebenslänglich mit Chance auf Bewährung.

Niedersachsens Schulplan: Raumlüfter, mehr Lehrer – und Eltern als Betreuer auf 450-Euro-Basis

Niedersachsen stellt zusätzlich 45 Millionen Euro bereit, um den Schulen in der aktuellen Phase der Corona-Krise zu helfen. Allein 20 Millionen sind für die Einstellung von Betreuern ohne pädagogische Vorkenntnisse vorgesehen – sie sollen sich bereits ab Mittwoch bewerben können.

https://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Niedersachsen/Niedersachsens-Schulplan-Raumluefter-mehr-Lehrer-und-Eltern-als-Betreuer-auf-450-Euro-Basis

 

Offen gestanden

Das Netz ist geduldig, ansonsten würde es schon überquellen vor Meinungen zur Verhältnismäßigkeit der aktuellen Corona Maßnahmen. Offen gestanden muss ich zugeben, dass ich dieses Mal nicht weiß, ob mein Artikel nur zur Kakophonie beiträgt oder darüber hinaus etwas leistet. Ich möchte keinen Vergleich zwischen der Gastronomie und den Schulen herstellen. Hier soll nicht diskutiert werden, warum das eine geht und das andere nicht. Ich möchte lediglich darstellen, wie die Öffnung meiner Erfahrung nach gerade aussieht.

Die Gründe für die Offenhaltung der Schulen sind nachvollziehbar. In der Zeit der Schulschließung ist die häusliche Gewalt stark gestiegen. Einige Schülerinnen und Schüler zeigen große Anzeichen von Vernachlässigung und die Situation hat für sehr viel Stress bei ihnen gesorgt. Darüber hinaus halten die Schulen der Wirtschaft den Rücken frei, indem die Eltern weiterhin produktiv am Erwerbsleben teilnehmen können.

Schule hat einen gesellschaftlichen Auftrag zu dem die soziale Komponente genauso gehört, wie der Bildungsauftrag. Während wir die soziale Seite im Moment noch überwiegend erfüllen, kommt der Bildungsauftrag meiner Ansicht nach zu kurz. Mehr noch, er wird ad absurdum geführt. Es ist sehr schnell zur identifizieren, worum es in Niedersachsen geht. Zentraler Aspekt ist die Sicherstellung der Notengebung, so steht es auch wortwörtlich in den aktuellen Erlassen. Offen gestanden sieht es so aus als wäre der Bildungsauftrag in ein Prüfungsgebot verwandelt worden. Quintessentiell scheinen Noten zu sein und nicht, was die Schüler*innen dabei lernen.

Der Druck ist dabei auf die Schüler*innen enorm. Die Unregelmäßigkeiten durch Corona und Krankheitsfälle sorgen für große Verunsicherung. Es fallen Unterrichtsinhalte weg, es gibt größeren sozialen Klärungsbedarf und den Schülerinnen und fällt es enorm schwer, sich zu konzentrieren. Das betrifft nicht nur schwächere Schüler*innen, sondern auch sehr viele der starken. In der Lehramtsausbildung hört man immer wieder das Wort Ritualisierung. Für Schüler*innen jedes Alters ist eine verlässliche und beständige Regelung des Unterrichtsablaufs ungemein wichtig. Im Moment gibt es nur ritualisiertes Chaos. Falls wir jetzt noch Ziegen opfern würden, könnte man meinen, wir feiern eine anarchistische Messe.

Der Druck auf die Kolleginnen und Kollegen ist ebenso enorm. Die Arbeitsbelastung ist viel größer und statt einer Entlastung gibt es viele zusätzliche Regeln, mehr Papierkram und ein Roulet mit der Gesundheit anderer. Ich selbst bin gerade in Quarantäne und es ist nicht ruhig. Wir Lehrer sollen die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt übernehmen. Wir Lehrer sollen dafür Sorgen, dass die Menschen zu ihren Tests kommen. Wir müssen mit den Schülern und Eltern reden. Und ganz nebenbei hat man noch Angst, um seine Gesundheit.

Es geht mir nicht darum zu sagen, dass es uns besonders schlecht geht. Da geht es dem Restaurant um die Ecke wesentlich schlechter. Ich möchte, dass mit einem realistischen Blick auf die Schulen, die Schüler*innen und die Kolleg*innen gesehen wird. Für mich ist das Fazit dieser Betrachtung: Die Schulen sind offen, das ist auch alles.

Offen gestanden verliere ich auch das Vertrauen in die Schulleiter*innen, nachdem ich schon das Vertrauen in die (Kommunal)Politik verloren habe. Auch auf schulischer Ebene scheint es einen Wettbewerb darum zu geben, wer unter schlechten Bedingungen noch am meisten hinbekommt. 80%, 90%, 100% der Stundentafel? Wer bietet mehr? Auch in den Schulen scheint es kaum um eines zu gehen: Wie geht es den Schülerinnen, Schülern, Lehrern und Lehrerinnen? Wie verkraften sie es? Was passiert mit den Menschen? Welchen Preis zahlen wir an dieser Ecke?

Wir könnten dauerhafte Lösungen im Hybrid-Unterricht finden. Wir könnten die Stundentafel auf das Wichtigste reduzieren. Wir könnten auch mal Arbeiten ausfallen lassen. Wir könnten so viel. Aber alles was wir könnten wird darauf ausgerichtet, dass Politiker*innen, Schulleiter*innen und viele mehr nach der Krise einen Satz sagen können:

„Dank meiner Bemühungen haben die Schulen offen gestanden.“

 

Zurück in die Zukunft

Warum wir die Schule lieber gegen die Wand fahren als nach Neuland und was das mit Marty McFly zu tun hat.

Meine Kindheit spielte sich irgendwo zwischen „Zurück in die Zukunft“ und „Zurück in die Vergangenheit“ ab. Auf der einen Seite Michael J. Fox mit dem großartigen Auto, das eigentlich fast nie gefahren ist und auf der anderen Seite Scott Bakula, der von Leben zu Leben sprang als wären es Airbnbs. Gespannt folgte ich Marty wie er knapp dem Inzest und damit seiner eigenen Vernichtung entging (der Film wäre etwas für Freud) oder wie Sam von Leben zu Leben sprang. Neue Geschichten, neue Welten. Erst später habe ich gemerkt, dass in beiden Formaten gar nicht um die Zukunft ging, sondern darum zurück zu gelangen, wo man hergekommen ist. Es war eben nicht die Suche nach etwas Neuem, sondern der Versuch den status quo wiederherzustellen. In diesem Sinne wundert es mich kaum noch, dass wir während Corona lieber gegen die Wand fahren als nach Neuland.

Einerseits möchte ich nicht nur von meiner Schule sprechen, andererseits kann ich auch wirklich nur von meiner Schule sprechen. Ich arbeite nur an dieser Schule, sie ist deswegen für mich exemplarisch. Meiner Meinung nach kann ich diese Entwicklung trotzdem generell beobachten. Jede Lehrkraft gibt bei uns im Durchschnitt 110%, das liebe ich hier. Der Durchschnitt umfasst auch die, die weniger geben, weil sie andere Dinge im Kopf haben, was meiner Meinung nach vollkommen in Ordnung ist. Arbeit ist für den Menschen da und nicht umgekehrt. Die unglaubliche Leistungsbereitschaft für die Schule und die Schüler*innen scheitert an Schule an sich.

Corona hat verdeutlicht, welche Probleme es schon lange gab und neue dazu geschaffen. Trotzdem wollen wir mit aller Macht zurück in die Vergangenheit. Diese gibt es nur eben nicht mehr. Es ist kein Film. Schule besitzt unglaubliche Beharrungskräfte, sowohl ideologisch als auch personell. Diese Beharrungskräfte waren nach dem Zweiten Weltkrieg notwendig. Wenn man sich heute anschaut, wie schnell Demokratien kippen können, erscheinen sie heute auch noch sinnvoll. Allerdings kippen diese Demokratien auch wegen Bildungssystemen, die starr und rückwärtsgewandt sind. Systeme, die ihren Schüler*innen keine Antworten und Werkzeuge auf moderne Fragen geben. Systeme, die beharren.

Wir brauchen flexible Lehrpläne, flexible Lehrkräfte. In Summe: Wir brauchen flexible Bildung. Damit hört es aber nicht auf. Wir brauchen auch ein modernes Bildungsverständnis. Bildung ist nicht das immer noch vorhandene stumpfe Auswendiglernen von Fakten, manchmal nur als Wissenskompetenz neu angestrichen wurde. Bildung ist, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat. (Heisenberg 1973) Darauf sollten wir uns auch konzentrieren. Jedes Kind sollte lernen, was es braucht. Zum einen braucht, um mit den Herausforderungen dieser Welt klar zu kommen. Zum anderen braucht, um sich lebenslang weiterbilden zu können. Das Meiste aus der Schule wird sowieso vergessen. Das Wichtigste ist Kinder darauf vorzubereiten, dass sie in Zukunft immer weiter dazulernen müssen aufgrund einer sich stetig ändernden Welt.

Das Frustrierende ist, Schule kann das. Schon lange. Statt auf Flexibilität zu setzen, werden aus einem falschen Gerechtigkeitsverständnis und permanentem Kontrollzwang auf beharrliche, strikte curriculae gesetzt, die wesentlich mehr mit Prüfbarkeit als mit Bildung zu tun haben. Genauso werden Lehrer*innen je nach Schule an der kurzen oder sehr kurzen Leine gehalten. Das ist absurd! Lehrer*innen verbringen ein ganzes Jahrzehnt mit Studium, Referendariat und Bewährung. Wir sind hoch ausgebildete, teilweise (über)qualifizierte Führungspersonen, die im Schuldienst dann wieder in das Förmchen eines Sachbearbeiters mit Vorteilen gepresst werden. Nach und nach wird uns die Eigenverantwortlichkeit, die wir alle leisten können, aberzogen. Und ich bin mir sicher, dass wir die alle leisten können. Andernfalls hätte das Referendariat anders geendet. Fachleiter*innen sind entgegen häufiger Meinung (meistens) weder unqualifiziert noch gemein. Die oft zweideutigen Beratungen und uneindeutigen Hilfestellungen helfen dabei, dass man seinen Scheiß selbst regelt und nicht darauf vertraut, dass irgendjemand einem später eine nützliche Hilfestellung gibt. Wer das nicht zumindest rudimentär schafft, der schafft sein Referendariat auch nicht.

Lasst Schule endlich machen, was Schule kann. Schule kann ständige, autonome Weiterentwicklung. Schule muss sich ständig autonom weiterentwickeln. Damit meine ich alle Bereiche der Schule. Ich meine damit, dass sich Klasse 6.2 vielleicht anders entwickelt als Klasse 6.3, weil sie ganz andere Schüler*innen mit ganz anderen Bildungsschwerpunkten hat. Jede Lehrkraft steht dort vor anderen Herausforderungen. Eine Gleichmachung durch die Beharrungskräfte führt dann eher zu dem, was sie früher verhindern sollten. Das heißt aber auch, dass wir Lehrkräfte Selbstverantwortung brauchen. Das verdienen wir und unsere Schüler*innen aber auch. Was wir nicht verdienen, sind ständige Besprechungen in denen Emails vorgelesen werden, damit sichergestellt ist, dass es jeder gehört hat. Was wir nicht brauchen, sind ständige Erinnerungen, das jedes Kind alles gleich machen soll, obwohl kein Mensch ist, wie der andere. Was wir nicht brauchen, ist Kontrolle als oberstes Gut der Schule. Kontrolle der Schüler*innen und der Lehrer*innen. Ich für meinen Teil, möchte dahin zurück, wo mit wir im Lockdown angefangen haben. Denn da hat Schule bei uns richtig gut funktioniert. In Autonomie waren plötzlich Dinge möglich, die vorher nie leistbar waren. Zumindest für mich war das Arbeiten auch angenehmer, da ich nicht mehr der Durchschnitt sein musste, sondern ich sein durfte.

Wenn uns Ministerien, Behörden und Schulleiter*innen nicht vertrauen. Wie sollen es dann die Eltern und die Gesellschaft? Woher kommt dieses Misstrauen? Oder vielleicht wichtiger:

Woher kommt die Angst?

Eine Sache habe ich als Lehrer gelernt. Wer keinen Mut hat, ist als Lehrer*in verloren. Wenn ihr kein habt, macht es nicht zu unserem Problem und dadurch zum Problem der Kinder.

 

Hassökonomie

Heute ist es kaum zu glauben, das Internet war mal so etwas, wie eine Subkultur. Ein sozialer Raum in dem Sinne, wie der Hinterhof eines Gothic Clubs, komplett mit Patchouli-Nebel und Zigarettenstummeln. Als Dorfkind, mehr noch Dorfnerd, war es eine magische Mischung aus Rückzugsraum und Tor zur Welt. Einer der wenigen Wege, wie man als Eigenbrödler eigentlich mehr Kontakt zu anderen Menschen hatte als sonst, wenn auch nicht physisch. Auch damals war das Internet groß und voller Schrecken, es gibt nichts zu romantisieren. Aber eine gute Lebensweisheit war: Die Trolle nicht füttern. Ignoriert das Negative und konzentriert euch auf den positiven Teil der Community.

2020 ist das Internet Lebensraum geworden. Es gibt Milliarden Menschen, die nicht nur mit dem Internet aufgewachsen sind, sondern ein Leben ohne Internet nicht kennen. Das ist in der Konsequenz viel weitreichender als erst später dazu gekommen zu sein. Das Internet ist absolut, nicht steigerbar, es ist gegeben, da es für diese Menschen schon immer da war als Kommunikationskanal, wie Zeitungen, wie Fernsehen oder wie Sprache an sich. Daher lässt sich auch der Wert des Internets, sei es auch nur in Form von Instagram und Tiktok, für viele erklären. Es abzuschalten ist ähnlich abwegig, wie mit geschlossenen Augen durch die Straße zu laufen. Don’t feed the trolls ist das eine, Ignoranz der Realität das andere.

Das Internet ist schon lange real geworden. Es ist ein normaler Kommunikationskanal. Es ist keine abgelöste Welt, sondern Taten im Netz fordern Konsequenzen in der physischen Welt und vice versa. Die Trolle verhungern zu lassen hat keinen Sinn mehr. Zum einen werden sie zu gut gefüttert, zum anderen sind es inzwischen keine Trolle mehr, wie früher. Es sind echte Personen, die diese Einstellung auch ins echte Leben tragen.

George Floyd hat die Trolle nicht gefüttert als er passiv am Boden lag. Trotzdem haben die Trolle ihn gefressen. Rassenhass, systematischer Rassismus und Intoleranz existieren nicht erst seit dem Netz. Aber es erhärten sich die Beweise, das es durch bestimmte Plattformen wieder einen Aufschwung gibt. Und ich trage dafür eine Mitschuld. Ich trage eine große Schuld, durch die kleinen Dinge. Das fängt damit an, dass ich nur den Kopf schüttele, wenn Schulen den Namen mancher Schüler auch nach fünf Jahren nicht richtig schreiben können. Es hört damit auf, dass ich Plattformen wie Facebook unterstütze.

Facebook nahm eine zentrale Rolle in der Wahl von Trump ein, es nahm eine zentrale Rolle im Brexit ein, es nimmt eine zentrale Rolle in rechtsradikalen Diskursen sein. Dabei geht es nicht nur, um die Kommunikationsplattform, sondern auch um die erhobenen Daten. Ich habe kein Problem, mit nerviger Produktwerbung. Ich habe ein großes Problem, wenn die Daten dazu genutzt werden, demokratische Prozesse zu untergraben. Genau das passiert durch Microtargeting und andere Methoden. Ich weigere mich auch damit ein Unternehmen zu unterstützen, dass Hass in Geld verwandelt und Politiker, die Hass in Macht verwandeln. Im Netz entsteht eine Hassökonomie, die vorher nicht möglich war. Und das reicht mir nicht nur, weil dadurch Spinner unterstützt werden. Auch weil dadurch Menschen sterben, Demokratien wackeln und das gesellschaftliche Wohl vermindert wird. Don’t feed the Trolls ist keine Lösung mehr. Was die Lösung ist, weiß ich nicht.

Addendum:

Bei Fremdenfeindlichkeit mag ich zwar resistent sein, aber mir wird immer wieder bewusst, wie abgestumpft und sexistisch ich war. Ich bin ein Internet der Freiwilligkeit gewohnt, eines, das man abschalten kann. Dadurch schwang immer ein Gefühl das „es ist ja nicht so ernst“ mit. Ähnlich wie flamen schon immer ein Teil der Netzkultur war, aber bei weitem nicht so bitterer Ernst und so mies wie heute. Das Maß fehlt, eben wahrscheinlich auch deswegen, weil das Netz inzwischen Real Life ist. Es fällt nicht ins Gewicht, was man ernst meint und was nicht, wenn es hunderte und tausende Menschen machen. Man stimmt in einen Chor ein. Selbst ohne schlechte Absichten. Es würde auch reichen, wenn nur einer von einhunderttausend wirklich etwas im Schilde führt, man stärkt das Echo. Ich habe lange, sehr lange nicht Begriffen, wie ich Logiken aus überschaubar großen Communities auf das ganze Netz übertrage und damit ein Bild weiter verzerre, das so nicht aussieht. Das Netz ist wieder abschaltbar, noch überschaubar. Es ist ein gesellschaftlicher Lebensraum geworden. Ob ich will oder nicht, in diesem Raum wachsen meine Stieftocher und mein Stiefsohn auf. Selbst wenn ich nie auf Facebook mit Penisbildern um mich geworfen habe, habe ich verhalten gezeigt, dass das unterstützt. Trolle dürfen nicht gefüttert werden geht auch hier nicht weit genug. Trollen muss klar gemacht werden, dass sie Trolle sind. Trolle dürfen keinen Lebensraum haben.

 

Picture or it didn’t happen

Corona hat auch bei mir einiges verändert. Besser: Es ist noch dabei sich zu ändern. Als jemand mit einem großen Hang zur Reflexion war der Teil des Referendariats für mich ein Leichtes. Beruflich bin ich ständig am reflektieren über mein tun und wirken, dass man meinen könnte, ich wäre von Beruf Spiegel. Spiegel sind meist allerdings auch etwas anderes, eher flach. So hat es eine Mischung aus verschiedenen Fehlern und Dummheiten meinerseits und der Naturgewalt, die meine wundervolle Partnerin darstellt, gebraucht, um nicht nur über mich im Job, sondern auch über mich im Privatleben intensiv nachzudenken. Genau, wie ich gerade über den letzten Satz nachdenke. Der war zu komplex und die Kommata bestimmt nicht richtig. Das Denken darüber, was mir wichtig ist und wie ich handele, wurde von einem täglichen Strom an neuen Eindrücken, Dingen zu tun und Sachen zu machen unterbrochen. Man hat selten Urlaub von sich selbst. Dann kam Corona.

Entgegen der nachvollziehbaren Erwartung, ging mein Internetkonsum stark zurück. Das verwunderte mich als Vollblut Nerd doch eher sehr. Neben meiner Arbeit, vielen meine Freunde und auch Sport weg. Ich hatte auf einmal Zeit. Mehr Zeit als ich gebraucht habe. Wann hat man das in seinem Leben schon mal?

Ich habe gemerkt, dass ich dadurch Dinge intensiver erlebe. Ich habe weniger in meinem Leben und am Ende mehr davon. Viele Gewohnheiten habe ich als Quick Fix zwischendurch genutzt. Mein Job lässt mir immer wieder sehr wenig Freiraum und hat das Potential auch 28 Stunden eines Tages zu verschlingen. Ich nutze kurze Unterbrechungen, damit ich am Ende des Tages sage, ich habe heute gearbeitet. Und? Wie und? Gearbeitet!

Es sind Unterbrechungen, die mein Leben lebenswerter machen sollen indem sie verhindern, dass ich nur arbeite. Aber sie fügen meinem Leben nichts hinzu. Dabei sind mir gerade Social Media Verhaltensmuster aufgefallen, die ich von früher habe aber heute nicht mehr funktionieren. Das ist ein Beitrag für sich, es geht aber weniger darum, dass ich zu viel Social Media nutze, sondern dass es mir kaum noch etwas bringt. Davon ist instagram meine Lieblingsplattform und so kommen wir endlich zum Titel der Geschichte. Als Hobbyfotograf ist instagram natürlich das gelobte Land und trotzdem inzwischen für mich überflüssig (wieder: anderes Blogposting.) Über die letzten Monate habe ich immer weniger und weniger gepostet, aber auch sehr viel weniger geguckt. Ich habe das Gefühl, ich muss gucken. Nicht, weil ich sonst was verpasse. Das Wichtige erfahre ich, wenn auch später, irgendwann im Gespräch. Nein ich hatte (oder habe immer noch) die Sorge, dass sich dann die wichtigen Menschen in meinem Leben zu wenig wertgeschätzt fühlen. Zum einen, wenn ich zu wenig like. Zum anderen, wenn ich keine Bilder poste.

Natürlich poste ich gerne Bilder. Fast so gerne, wie ich sie mache. Aber wenn ich aus Zeitgründen Probleme habe, die Bilder zu posten, denke ich nicht als erstes: „Oh Schade, es macht mir so einen Spaß Bilder zu posten.“ Ich denke: „Hoffentlich denkt meine Familie jetzt nicht, dass ich den Urlaub mit ihnen nicht schön fand.“ Das ist dumm. Ich habe einen Job, der viel Zeit kostet, unter anderem auch, um mir viel leisten zu können (ok dafür gibts auch bessere Jobs). Den Freiraum, der mir bleibt, nutze ich für meine Familie, für meine Freunde und für mich. Anstatt 10 Minuten lang Bilder zu posten, könnte ich auch 10 Minuten meditieren, was mir hilft ein besserer Vater und liebevollerer Partner zu sein. Aber ich verbringe die Zeit mit dem innerlichen Zwang Bilder zu posten aus Angst, jemand könnte denken, dass ein realer Moment weniger real und wichtig dadurch wird, dass ich ihn nicht im Netz dokumentiere. Picture or it didn’t happen. Dafür bin ich nicht online gegangen, auch wenn es mich jetzt erwischt.

Das ist nur in mir. Ich baue diese Sorge auf. Dabei verbringe ich lieber 10 Minuten extra mit meinen Patchworkern als 10 Minuten Bilder über sie zu posten. So bleibt dann der Gedanke, dass ich zunehmend instagram abstinent werde und sich durch Corona noch einiges ändern wird. Jetzt wo ich ein Mal Zeit für alles hatte, das mir lieb und teuer ist, habe ich den großen Drang so sehr aufzuräumen, bis ich auch ohne Corona wieder Zeit für das Wesentliche haben werde. Das sind ganz voran Familie und Liebe, aber nicht die Dokumentation davon in glorifizierten digitale Poesiealben.

 

Volle Kraft zurück

Gedanklich bin ich gerade von Meeresrauschen umhüllt in einer sternenklaren Nacht. Eine entspannte Ruhe liegt in der Luft. Das Sternenlicht, bei aller Schönheit, reicht leider nicht aus, um den Eisberg zu sehen, auf den wir gerade zusteuern. Zumindest drängt sich mir in den ersten Überlegungen zu diesem Beitrag das Bild der Titanic und dem Eisberg auf. Letztlich führt es zu der Frage, ob wir gut vorbereitet sind oder uns nur für unsinkbar halten.

Vier Tage ist die Schule nun offen. Die Vorbereitungen meiner Schule sind besser gelaufen als es den Umständen nach zu erwarten war. Die Schüler haben genug Desinfektionsmittel, um sich regelmäßig und an vielen Orten der Schule die Hände zu waschen. Wir haben das beste Hygienekonzept, das unter den Umständen möglich war und die Schüler*innen kommen im Schichtbetrieb.

Es funktioniert trotzdem nicht. Es gibt den Teil der Schüler, der genauso unvernünftig ist, wie sonst auch. Der Teil ist nicht klein. Die Schüler*innen sind 15 und 16 in den Abschlussklassen. Wisst ihr noch, was ihr damals angestellt habt? Natürlich müssten sie es besser wissen. Natürlich müssten sie klüger sein. Aber wenn schon ein Mittel gegen Pubertät gefunden worden wäre, wären die Kinder schneller geimpft worden als gegen Covid 19. Die anderen Schüler*innen suchen einfach Nähe, weil sie sich unsicher fühlen und sowieso ein großes Bedürfnis nach Nähe. Zuletzt gibt es einfach die Unachtsamen. Ein schnelles High-Five im vorbeigehen oder ein höfliches Aufheben eines runtergefallenen Stiftes. Man munkelt, selbst geschulten Laboranten unterlaufen Hygienefehler. Es wird immer so getan, als könnten Schüler*innen alles problemlos befolgen. Doch selbst Erwachsenen fällt das schwer.

Das bringt mich zum Titelbild. Da die Autorität von Lehrern leidet, wenn die Schüler*innen wissen, dass man nicht in ihre Nähe kommen kann, wurde mir gestern der Stab verliehen. In seiner Farbe Signalrot und seinen Dimensionen Ein-Meter-und-fünfzig-Zentimeter. Ich hatte es nicht geschafft, die Schüler weiter als 1,2m auseinander zu treiben. Das pädagogische Versagen bemerkte man und der Stab sollte Abhilfe schaffen. Und er half wirklich. Zum einen als Anschauungsobjekt über die wirkliche Länge von 1,5m. Zum anderen mit der Ankündigung das Verhältnis aus Festigkeit und Dichte des Stabes taktil erfahrbar zu machen. Leider haben wir dann im Klassenraum bemerkt, dass selbst in einem unserer größten Räume mit nur neun Schülern der Mindestabstand kaum zu gewährleisten ist. Das war für die Schüler*innen allerdings nicht so schlimm. Denn gleich nach dem Unterrichtsende konnten sie, einmal das Schulgelände verlassen, wieder kuscheln, Händchen halten, spucken und High-Fiven. Nicht nur bei uns, sondern auch bei den anderen Schulen, die ich von uns im Blick habe.

Zusammengefasst bedeutet das für mich, dass Hygiene und Isolation unter Jugendlichen jetzt vorbei ist. Alles im Sinne einer Entlastung der Eltern, im Sinne der Fairness der Prüfungen und für den Unterricht. Ich weiß nicht, in wie weit der erste Punkt zutrifft, wenn die Kinder jetzt unregelmäßig Unterricht haben. Fairness der Prüfungen gibt es in dem Flickenteppich sowieso nicht. Bleibt der Unterricht. Was für Unterricht ist das?

Die Schüler sitzen alle zwei Wochen an Einzelplätzen in der Schule. Der Lehrer kann ihnen kaum etwas zeigen und nur auf Abstand direkt erklären. Was wir jetzt machen, geht gegen jede pädagogische und didaktische Erkenntnis der letzten 20 Jahre. Die Schüler*innen sind mit den Gedanken auch nicht dabei. Entwede,r weil sie sich um wichtigere Dinge Gedanken machen oder, weil sie wissen, dass sie sich notentechnisch auf Erlass des Ministeriums nicht verschlechtern können. Es gibt unter diesen Bedingungen kaum Unterricht, von gutem Unterricht kann man erst recht nicht reden. Das alles, obwohl immer mehr Folge- oder Begleiterkrankungen auch für junge Menschen entdeckt werden. Das alles, obwohl Drosten festgestellt hat, dass Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene und sich erneut gegen eine Schulöffnung ausspricht.

Selbst in der Industrie wird darüber gesprochen, dass ein Neustart unter innovativen und umweltfreundlichen Bedingungen geschehen soll. Und was machen wir in der Bildung? Wir wollen mit voller Kraft zurück. Dabei fahren wir lieber gegen die Wand als ins Neuland. Jetzt wird darüber gesprochen, das Schichtsystem auch im nächsten Jahr aufrecht zu halten. Die Bildungspolitik spricht jetzt schon über Schule als meinte sie die 1960er Jahre. Dieses Bild versuchen wir nun auf das Internet und Heimunterricht zu übertragen und geraten damit in eine noch größere Schieflage. Natürlich ist ein Schichtmodell möglich. Aber wirklich gewinnbringend ist es nur, wenn wir auch die Didaktik dafür ins hier und jetzt anpassen. Wir brauchen keine Arbeitsblätter, die für lehrerzentrierten Unterricht gedacht sind, wenn der Lehrer fehlt. Wir brauchen freie Aufgabentrukturen, Formate, die die Selbständigkeit stärken und inverted classroom Modelle.

Aber dann müssten wir etwas Neues wagen. Eines der besten Symbole dafür, dass wir es nicht tun, bin im Moment ich. Ich, der mit seinem roten Stab versucht eine alte Ordnung zu halten, die es so im Moment nicht gibt. An einer Schule, die unglaubliches leistet, um ihre Aufgaben zu erfüllen und ihre Schüler*innen ernst nimmt. Wenn die Kolleginnen und Kollegen in der Schule gestern ein Gedanke vereint hat, dann die Hoffnung darüber eine zweite Welle zu verhindern und das mulmige Gefühl, dass sie trotzdem kommt.

 

Prüfungsfetischismus

Der Junge war jetzt genug an der frischen Luft, jetzt muss er wieder in die Schule. Schon alleine des Abschlusses wegen. Zumindest scheinen sich darin die Kultusminister relativ einig zu sein. Normalerweise bin ich der altmodische, strenge Lehrer ja wirklich. Noten gelten in der Forschung und auch im Kollegium überholt und wenig zielführend. Ich selbst verspreche mir davon etwas Vergleichbarkeit für die Schüler*innen selbst. Das Problem sind für mich nicht die Noten, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht. Aber das ist eine andere Diskussion. Trotz meines Optimismus Noten gegenüber, bin ich gegen alle Abschlussprüfungen in diesem Jahr. Ich sehe das hohe gesellschaftliche Gesundheitsrisiko dadurch größer als den Nutzen für die Schüler*innen. Mehr noch, ich sehe keinen Nutzen für die Schüler*innen.

Einer der häufigsten Gründe, der für die schnelle Durchführung der Prüfungen genannt wird, ist die Sorge, das Abitur könnte in anderen Bundesländern nicht anerkannt werden. Das ist etwas, das die Kultusministerkonferenz mit Leichtigkeit beschließen könnte. Die Sorge ist nicht nur unangebracht, sie ist hausgemacht und entspringt dem Unwillen etwas zu ändern. Für mich steht neben dem Unwillen die viel wahrscheinlichere Sorge, dass sich kein Kultusministerium die Blöße geben will, die Prüfungen ausfallen zu lassen. Dann wird im Bildungsfö(r)deralismus schnell wieder von Schmalspurabitur geredet und die Häme der anderen Länder ist einem sicher.

Außerdem wird angebracht, dass ein fairer, vergleichbarer Abschluss der Schüler*innen sichergestellt werden muss. Die Schulzeiten werden in jedem der 16 Bundesländer unterschiedlich verzögert. Die Schulen starten zu unterschiedlichen Zeiten und wie genau sie starten ist (zurecht) in Hand der jeweiligen Schulleiter. Inwieweit die Schüler*innen in letzten Wochen gelernt haben, hängt vom Zeitraum der Ferien, der digitalen Ausstattung der Schule und der familiären Situation ab. Inwieweit sie jetzt lernen können, hängt von denselben Faktoren ab, außerdem wie gut der Schulträger seiner Planungsaufgabe nachkommt und vor allem, ob die jeweilige Lehrkraft zu einer Risikogruppe gehört und vielleicht gar nicht selbst prüfen kann. Und das alles, lässt die wichtigsten Aspekte raus: Wie es einem selbst und der Familie physisch, und immer wieder gerne vergessen, mental geht. Es ist eine Zeit mit so vielen unterschiedlichen Stressfaktoren, Fehlerquellen und individuellen Schicksalen, dass es lächerlich ist, hier von Vergleichbarkeit und Fairness zu sprechen.

Die Wissenschaft hat aber gesagt, dass Prüfungen stattfinden können. Moment. Die Wissenschaft (gibt es nicht) hat eine Einschätzung getroffen, dass unter bestimmten Faktoren Prüfungen mit einem geringen Risiko durchgeführt werden können. Diese Faktoren waren strenge Hygiene- und Verhaltensregeln. Wie das alleine in Hannover läuft, kann man hier ansehen:

Das Gesundheitsamt der Region Hannover fand bei der Überprüfung von 112 Schulen vor der Corona-Pandemie nur eine Schule ohne Beanstandung. 

https://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Diese-Probleme-haben-Schulen-in-der-Region-Hannover-mit-der-Hygiene

Es scheint viel mehr, wir führen Prüfungen um ihrer selbst willen durch. Der Punkt, dass Prüfungen wichtig sein, um aussagekräftige Noten zu bekommen, ist vielleicht von allen der falscheste. Ein einzelner guter oder schlechter Tag gibt kein einheitliches Bild der Leistung einer Schüler*in. Deswegen zählt selbst das Abitur nur ein Drittel im Zeugnis. Studien haben erwiesen, dass die Abschlussergebnisse sich im Wesentlichen kaum von den gewohnten Leistungen unterscheiden. Wir prüfen aus einem alten, überholten, schädlichen Schulverständnis heraus. Auch an dieser Stelle legt die Corona-Krise wieder offen, was systematisch und strukturell kaputt ist. Das Bildungsverständnis der Kultusminister*innen scheint kaum besser als die 5G Netzabdeckung in Deutschland zu sein.

Wenn gesagt wird, die Schüler*innen müssen aus sozialen oder wirtschaftlichen Gründen wieder in die Schule, dann ist das so zu diskutieren. Aber Abschlüsse sind meiner Meinung nach kein ausreichender Grund. Besonders, wenn man die Gesundheit mit einbezieht und eine Übertragung durch Reden und mögliche Langzeitfolgen nicht ausgeschlossen sind.

Eine passende Radiodiskussion gibt es hier:

Deutschlandfunk.de: Machen Abschlussprüfungen jetzt Sinn?

 

Midlehrcrisis

Das hier wird kein vollwertiger Beitrag. Nicht mal ein Rant oder etwas klassischer eine Glosse. Eher ein wunderbarer kleiner Cupcake, halb aus Wut, halb aus Fassungslosigkeit. Es ist einer dieser Momente in denen ich es nicht mag, Politik-Lehrer zu sein. Wer die anderen Beiträge gelesen hat oder mich kennt, kann sich meine Unzufriedenheit über die Entscheidung der Regierung denken. Spiegel Online fasst das ganz gut so zusammen:

Schulen sollen ab dem 4. Mai wieder schrittweise geöffnet werden. Der Schulbetrieb soll mit Abschlussklassen, obersten Klassen in Grundschulen sowie mit Klassen, die im kommenden Jahr Prüfungen ablegen, beginnen. Bis zum 29. April soll die Kultusministerkonferenz ein Konzept vorlegen, wie der Unterricht mit reduzierten Klassengrößen sowie Hygiene- und Schutzmaßnahmen wieder aufgenommen werden kann. Auch „Pausengeschehen“ und Schulbusbetrieb sollen dabei berücksichtigt werden.

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/coronavirus-angela-merkel-und-die-laenderchefs-setzen-auf-vorsicht-a-ead67e0c-8dfd-4863-ab99-7f975bcd3f5b

Zu den Schutzmaßnahmen werden wahrscheinlich Gruppen von Unter 20 Leuten, Schule im Schichtbetrieb, 2m Abstand, getrennte Pausenzeiten usw. gehören als wären Schulen Isolierstationen. Das halte ich für unrealistisch, es ist aber gerade nicht das Problem.

Mein Problem ist, dass wir eine Deadline haben und noch keinen Weg dahin. Wir haben weder geprüft, wie sinnvoll die Maßnahmen sind oder wie viel Zeit sie zur Umsetzung brauchen. Wir haben noch nicht mal Maßnahmen definiert. Das tun erst die Kultusminister, irgendwann in den nächsten zwei Wochen. Jede Beratungszeit geht also von der Umsetzungszeit ab. Das ist weder ein gutes Vorgehen für eine Problemlösung noch für die Implementation von Lösungsstrategien. Das ist Bullshit. Noch mal: Es wurde kein Plan gemacht. Es wurde der Plan gemacht, einen Plan zu finden und das bis zum 04.05.2020.

Aus München ruft es relativ besonnen „Wir machen nix vor dem 11.05.“ Wahrscheinlich haben die erstmal eine Maß getrunken und etwas darüber nachgedacht. Aber dann schallt es aus Hannover:

Hold my beer (Pils), wir in Niedersachsen schaffen das bis zum 27.04.!

Großartig. Ich hätte mich fast geschämt, aber dann rief es aus Düsseldorf:

Hold my beer (Alt), wir in NRW schaffen das bis zum 20.04.!

Kann mir jemand erklären, wie die Kultusminister bis zum 04.05. einen Plan finden sollen, der aber schon zum 20.04. in Teilen umgesetzt wird? Kann mir jemand erklären, wie ich das meinen Schüler*innen erkläre? Ich versuche immer zu vermitteln, dass jede Entscheidung einen Sinn hat, auch wenn es nicht der Sinn ist, den man gerne hätte. Selbst wenn ich hinter der Schulöffnung durchaus Sinn sehe, kann ich dem Vorgehen nichts positives abgewinnen. Ich finde es gleichgültig, unüberlegt und feige. Es ist die einfache Lösung die Schulen ohne Konzept zu öffnen. Aber ist es die richtige? Wenn ja, hätten wir sie gar nicht erst schließen müssen. Neben den ganzen konzeptionellen Fragen sind noch so viele andere offen.

Wie soll Schichtbetrieb in LKs funktionieren?
Was sollen wir unterrichten?
Was ist mit den Lehrern über 60?
Was ist mit Eltern mit Vorerkrankungen?
Was ist mit Lehrern mit Vorerkrankungen?
Was ist mit Schülern mit Vorerkrankungen?
Was ist mit Schülern mit Angst oder Depressionen?

Sind es ein paar Wochen Unterricht wirklich wert, Menschenleben zu riskieren?

Und noch mal: Wie vermittele ich das den Schüler ohne den Glauben in den Staat zu verlieren?

 

Für eine handvoll Wochen

Im Sinne der Corona-Krise schreibe ich heute einen Mitmach-Beitrag. Wir brauchen unbedingt mehr Dinge, die wir zuhause erledigen können. Zuerst suchen wir uns einen Verwandten über 60. Es kann ausnahmsweise auch ein ungeliebter bevorzugt ausgesucht werden. Dann brauchen wir eine Schusswaffe. Wer keine hat, fragt beim örtlichen Nazi oder Reichsbürger an. Die haben Kontakte. Dann brauchen wir letztendlich noch ein Kind. Haben wir alles beisammen, nehmen wir die Waffe (geladen) und richten sie z.B. auf Opa. Wir fragen die kleine Emma, was sie vor sechs Wochen in Geschichte gemacht hat. Wenn sie das Thema relativ genau eingrenzen kann, beenden wir das Projekt hier oder fragen nach einem anderen Fach. Falls nicht, drücken wir ab und gucken, ob Opa überlebt.

Gut – das ist einerseits etwas plakativ und andererseits statistisch nicht vollkommen repräsentativ. Trotzdem ähnelt das Experiment der Wette, die unter anderem die Leopoldina mit ihrer frühen Schulöffnung eingeht. Es wird darauf gewettet, dass der Wissenszuwachs der Schüler*innen das Risiko des frühzeitigen Todes der Risikogruppen wert sei. Die Einschränkungen durch die Schulschließung und allgemeinen Maßnahmen sind enorm. Aber bei einer Schulöffnung gingen sie auf Dauer weiter. Bis wir sicherstellen könnten, unsere Kinder übertragen keine Viren, müssten sie auf einige Familienmitglieder verzichten. Das Risiko gestaltet sich wie folgt:

  • Opa 1: Alter, Vorerkrankung.
  • Opa 2: Alter, Vorerkrankung.
  • Oma 1: Alter.
  • Oma 2: Alter, Vorerkrankung.
  • Oma 3: Alter, Vorerkrankung

Wenn wir unser imaginären Emma nicht sagen wollen „Och, dein Bussi hat Omi getötet.“, müssen wir in Zukunft deren Kontakt einschränken. Bei einer Schulschließung in der wir den Kontakt der Kinder besser nachvollziehen können, wäre das nicht der Fall. Die Leopoldina geht davon aus, die Kinder könnten mit Mundschutz und 2m Abstand unterrichtet werden. Wo die 10,7 Millionen Mundschutze herkommen sollen, die wir für alle Schulkinder alleine in der ersten Woche bräuchten, ist mir zur Zeit schleierhaft; und woher die Elektroschocker kommen, die wir Lehrkräfte bräuchten, um die Kinder auseinander zu halten, weiß ich auch nicht.

Hinter allem steht die Wette, dass diese Wochen für die Schüler so unverzichtbar wären, dass es das Risiko wert sei. An meiner Schule sind bis jetzt weit weniger als zehn Tage richtiger Unterricht ausgefallen, da in die freien Tage auch Dinge wie Projektwochen und Studientage usw. fallen. Weder bei guten noch bei schlechten Schülern wäre dort so viel essentielles Wissen vermittelt worden, dass etwas unwiederbringlich verloren gegangen wäre. Opa hingegen wäre mit einer guten Chance unwiederbringlich erschossen. Je nach Religion vielleicht nicht, aber selbst nach The Walking Dead wäre er zumindest nicht mehr derselbe.

Mich beschleicht das Gefühl, es geht den Diskutanten gar nicht um Bildungsgerechtigkeit oder zumindest einem veralteten Begriff davon. Ich gehe natürlich auch davon aus, dass das Wissen irgendwie nachgeholt und die Lehrpläne überarbeitet werden müssen. Aber Bildung ist mehr als das Auswendiglernen von Fakten und das ständige Wiederholen bestimmter Verhaltensmuster. Wenn ich höre, das Abi dürfte nicht gefährdet werden, wird im nächsten Satz oft gesagt, es müsse fair sein. Ab und zu fällt ein verräterisches „Es dürfe nicht zu leicht werden.“ Dann geht es nicht um Bildungslogik, sondern um Prüfungslogik und das ist wiederum sehr Deutsch. Zwei scheinbar deutsche Grundannahmen sind:

  • Es darf niemand etwas umsonst kriegen.
  • Was nicht überprüft wurde, existiert nicht.

Es sind vor allem diese Punkte, um die das Bildungsverständnis vieler Diskutanten und leider auch Kultusminister*innen kreist. Das akzeptiere ich nicht. Das Abi 2021 ist einfach anpassbar indem man einen Teil der Themen raus lässt. Die Schüler*innen haben dann immer noch genug schwere Themen zur Auswahl. Aber es könnte jemand etwas mit weniger Arbeit als jemand anderes bekommen, das geht hier nicht. Es geht im Moment nicht um Prüfungen oder um Neid, es geht um Menschen. Gerade auch in der Schule. Schulen sind Bildungseinrichtungen, keine Prüfungsfabriken. Damit haben wir irgendwann in den Sechzigern versucht aufzuhören (Betonung auf versucht).

Ein ganz anderer Punkt ist, dass die Schließung der Schulen zeigt, wie wenig wir (und da schließe ich mich mit ein) alleine in der Lage sind, die komplette Betreuung unserer Kinder zu stemmen. Wir sind so verstrickt in Arbeit und Terminen, dass die Kinder ohne die Schule (und Kitas) als sozialen Ort leiden. Darüber sollten wir auch mal nachdenken.