Lasst das Schulsystem sterben

Nach über zwei Jahren Pandemie, habe ich nun auch das letzte Puzzleteil gefunden und seit gut zwei Wochen Corona. Als jemand, der stolz auf das ist, was er tut und weiß, was er kann, habe ich mich beruflich noch nie so wertlos gefühlt, wie jetzt. Letztendlich durchlebe ich gerade einen leichten Verlauf bei Corona. Das bedeutet aber trotzdem, dass sich mich so schlapp fühle wie noch nie und auch nach zwei Wochen noch nicht wieder richtig atmen kann. Angesteckt habe ich mich wohl in der Oberstufe, in meinem Jahrgang gab es so viele Fälle, dass dieser für 10 Tage komplett ins Distanzlernen geschickt wurde. Trotzdem gehe ich morgen wieder zur Schule. Sowohl Abi als auch Zeugnisse rufen. Protokolle müssen gemacht und Häkchen gesetzt werden.

So zählt auch weniger wie es mir geht, sondern wann ich wieder komme. Es gibt keine Handhabe dafür, wenn man seine Noten wegen Krankheit nicht abgeben kann. Es gibt keine Handhabe dafür, wenn man die Abiturprüfungen nicht durchführen kann. Es gibt scheinbar keinen Platz dafür, dass Menschen auch mal nicht funktionieren. Und seit Corona, hat der Mensch in der Schule immer weniger Platz. Jeder Spielraum wird davon aufgefressen, so standardisiert wie möglich weiter zu machen. Nur zu Erinnerung, das sage ich als jemand, der Noten und Sportunterricht gut findet und meint, man solle auch an einer IGS das Niveau weit oben halten. Aber all den Druck, die Regeln und auch die Hilfen, die ich befürworte, sollen am Ende dafür dienen, dass es Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen gut geht. Dass sie zufriedener aus der Schule rauskommen als sie reingegangen sind. Vor allem auch eines: Schule soll niemandes Lebenszeit verschwenden.

Jedoch wird mir gerade noch mal sehr deutlich bewusst gemacht, dass es gar nicht um mich geht, nicht um das Kollegium und vor allem nicht um die Schüler*innen. Es geht darum, dass die Vorgaben pünktlich (!) erfüllt werden. Vorgaben, die entweder existieren, weil das immer schon so war oder weil „weiß nicht.“ Ich konnte das so lange mit einer gewissen systematischen Wut und einem großen Optimierungswillen betrachten, wie ich mich nicht wie ein Asthmapatient gefühlt habe, der zurück in sein Arbeitslager soll.

Wenn ich das Gefühl hätte, ich würde den Schüler*innen damit etwas Gutes tun, so schnell wie möglich wieder da zu sein, wäre das leichter. Aber alleine in einem meiner Jahrgänge sind drei meiner Schüler*innen wegen stark psychischer Probleme und einer stationärer Behandlung derer ausgefallen. Meine Kolleg*innen pfeifen aus dem letzten Loch. Während guter Unterricht vor Corona selten möglich war, ist er es heute fast gar nicht mehr. Ich glaube fest an die 80-20-Regel und greife in Notfällen oft darauf zurück. Der letzte Notfall dauert jetzt 2.5 Jahre an und ich wäre froh, wenn ich überhaupt noch 80% schaffen würde.

Vielleicht bin ich das Problem, das muss ich in Betracht ziehen. Allerdings sind so viele Kolleg*innen in 20%-50% Teilzeit und Arbeiten immer noch 5-6 Tage die Woche. Es sind Menschen, die lieber auf Geld verzichten als ihre Aufgaben unter 100% zu erledigen. So gutherzig bin ich nicht. Vor allem auch, weil genau diese Menschen meist nicht weniger gestresst sind. Es ist einfach viel zu viel zu viel. Nur für wen tun wir das? Lehrkräfte, Schülerschaft und Eltern?

Ich denke, wir halten ein hirntotes System künstlich am laufen. Wir opfern uns, die Lebenszeit der Schüler*innen und viele gute Ideen und Liebe dafür, dass die Bürokratie weiter laufen kann. Es ist Zeit den Stecker zu ziehen.

 

ChaosPhoenix

 
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